Fragen an Christiane Benner, Zweite Vorsitzende IG Metall

Fragen an Christiane Benner, Zweite Vorsitzende IG Metall

Das in Krisenzeiten pragmatische Lösungen schnell und einvernehmlich umgesetzt werden, zeigt sich nicht nur in der Politik. Denn die IG Metall hat mit den Arbeitgeberverbänden Ende März einen Tarifvertrag geschlossen, der den Besonderheiten der aktuellen Krise Rechnung trägt. Über die Herausforderungen zukünftiger Tarifverträge, die Gestaltung der Corona-Hilfspakete aus Sicht der Arbeitnehmer und die Arbeit einer Gewerkschaft im Krisenmodus sprachen wir mit der zweiten Vorsitzenden der IG Metall, Christiane Benner. Aber es ging auch um Zukunftsthemen: „Die Digitalisierung bekommt einen riesigen Schub“.

Die Bundesregierung öffnet die Geldschleusen und stellt umfangreiche Mittel zur Krisenbewältigung bereit. Sind die Interessen der Arbeitnehmer in der Verteilung der Mittel aus Sicht der Gewerkschaft ausreichend berücksichtigt?

Es ist gut, dass wir in Deutschland Tarifverträge, Mitbestimmung und einen Sozialstaat haben. Was passiert, wenn man das nicht hat, sieht man am Beispiel der USA. Dort sind innerhalb weniger Wochen über 30 Millionen Menschen arbeitslos geworden, die von einem Tag auf den anderen nicht mehr wissen, wie sie Nahrungsmittel, Mieten und ihre Krankenversicherung bezahlen sollen. Kurzarbeitergeld hat uns in Deutschland hingegen davor bewahrt, dass die Beschäftigten sofort ins Bodenlose fallen. Auf unseren Druck hin sind die Regeln für das Kurzarbeitergeld gleich zu Beginn der Corona-Pandemie verbessert worden. Ende April hat die Bundesregierung dann noch einmal beschlossen, das Kurzarbeitergeld unter bestimmten Voraussetzungen aufzustocken – auch darauf hatten wir Gewerkschaften gedrängt. Das trägt dazu bei, viele Beschäftigte vor existenziellen Nöten zu bewahren.

Es kann aber nicht sein, dass nur Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die finanziellen Lasten der Corona-Krise tragen und ihren Beitrag zur finanziellen Entlastung der Unternehmen leisten. Wir fordern, dass alle die Lasten schultern: Aktionäre, Vorstände, Geschäftsführer, Manager und Aufsichtsräte. Das ist ein Gebot der Solidarität.

In Tarifverhandlungen haben zuletzt Themen wie ein Recht auf berufliche Bildung und Absenkung der Arbeitszeit für familiäre Verpflichtungen neben der traditionellen Forderung nach Lohnerhöhungen Eingang gefunden. Sollte es in Zeiten von Corona zukünftig nicht ausschließlich um die Erhaltung von Arbeitsplätzen gehen?

Wir haben in der Corona-Krise extrem schnell gehandelt. Die laufende Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie haben wir Ende März unterbrochen und komplett umgeschaltet. Es wird im Jahr 2020 keine Tariferhöhung für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie geben. Stattdessen haben wir einen Tarifvertrag reaktiviert, den wir bereits zur Abfederung der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise 2010 abgeschlossen hatten. Unser neuer Tarifvertrag sichert Beschäftigung, gewährt Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld und regelt Unterstützungen für Eltern. Er gilt bis Ende des Jahres 2020.

Corona wirkt als Brandbeschleuniger im Flächenbrand der Transformation. Welche Effekte erwarten Sie auf die Geschwindigkeit von Veränderungsprozessen, insbesondere auf die Digitalisierung?

Die Transformation ist nicht nur eine Gefahr, sondern es besteht auch die Chance, dass es uns gelingt, die Wirtschaft so umzustellen, dass sie den Herausforderungen Rechnung trägt, die durch Klimawandel und Digitalisierung entstehen. Das bedeutet Wandel, aber genau den wollen wir mit Tarifverträgen gestalten. Mit den Metall-Arbeitgebern ist vereinbart, dass wir über diese Themen weiter sprechen, wenn wir Ende 2020 wieder in Tarifverhandlungen treten.

Die Corona-Pandemie führt in der Tat dazu, dass die Digitalisierung einen riesigen Schub bekommt. Es ist ein spontaner globaler Großversuch. Wir sammeln gerade Erfahrungen – zum Beispiel beim Home Office. Schon jetzt ist klar, dass gar nicht jedes persönliche Meeting sein muss, zu dem man stundenlang anreist. Oftmals sind auch Video-Konferenzen möglich. Auf der anderen Seite zeigt sich aber auch deutlich, dass Home Office seine Grenzen hat. Es ist zum Beispiel unmöglich, im Home Office zu arbeiten und parallel Kinder zu betreuen, die gerade nicht in die Kita oder in die Schule können. Es entfällt auch viel spontane Kommunikation am Arbeitsplatz, die sehr wichtig ist.

Auch die Arbeit der Betriebsräte hat sich sehr verändert. Gesetzlich ist jetzt klargestellt, dass Betriebsräte sich auch online treffen und Beschlüsse fassen können. Wir begrüßen das, weil es in dieser Situation dazu führt, dass Betriebsräte handlungsfähig sind und die Interessen der Beschäftigten rechtssicher wahrnehmen können. Wichtig ist uns aber auch, dass das Gesetz bis zum Ende des Jahres befristet ist. Denn Online-Treffen sind kein vollwertiger Ersatz dafür, sich real an einem Ort zu treffen.

Viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter ins Home-Office geschickt. Wie ist die Situation bei der IG Metall?

Unsere Bildungsstätten haben wir zu Beginn der Pandemie für den Normalbetrieb geschlossen. Wir bieten stattdessen zahlreiche Webinare, Online-Seminare und Austausch über das Internet an. Die Geschäftsstellen, in denen wir unsere Mitglieder betreuen, sind voll arbeitsfähig. Termine sind nach Vereinbarung möglich, ein Teil der Beratung findet per Telefon oder Online-Konferenz statt. Die Vorstandsverwaltung in Frankfurt wurde für das Publikum geschlossen. Das betrifft die Kantine und den „Laden“, in dem Geflüchtete betreut werden. Von den rund 500 Beschäftigten in Frankfurt ist der Großteil ins Home Office gegangen. Täglich waren noch 100 bis 150 Beschäftigte hier. Dabei halten wir uns strikt an die Vorschriften zum Arbeits- und Gesundheitsschutz: Abstand halten, Hände waschen, maximal zwei Menschen in einem Aufzug.

Am 11. Mai haben wir einen Stufenplan gestartet, um schrittweise die Präsenz in der Vorstandsverwaltung wieder zu erhöhen. Auch in dieser neuen Phase haben der Gesundheitsschutz und die Minimierung von Infektionsrisiken weiterhin Priorität.

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